In der Presse

Hören, wie die Welt klingt

MUSIK

Der Zuger Jazzmusiker Georg Marti hat viele Gründe, besonders gut hinzuhören. Die Quint im Kühlschrankrauschen etwa. Und die Sehschwäche. Wie ist Musik, wenn das Hören lebenswichtig wird?

  • Georg Marti mit Posaune. (Bild: PD)
    Georg Marti mit Posaune. (Bild: PD)

Zug – Dieser Text ist in der Juli/August-Ausgabe des Zug Kultur Magazins erschienen (#61). Hier gehts zu den anderen Artikeln.

Nach dem Interview für diesen Artikel hörte ich plötzlich, wie Blasen im Wasserglas platzen, wie Züge in der Kurve knarzen und wie Hunderte Menschen in einer Halle zu einem weissen Rauschen verschmelzen. Ich bin nicht verrückt geworden.

Ein bisschen mehr als eine Stunde zuvor sass ich mit dem Zuger Jazzmusiker George Marti in einer Bar. Irgendwo in Zug, an einem Sommermorgen. Es hatte auf den bereits heissen Asphalt geregnet, obwohl keiner heute mit Regen gerechnet hat. Busse rauschten am offenen Fenster vorbei, Männer reden über Kaffee, Popmusik plärrt etwas zu laut für die Uhrzeit aus guten ­Boxen. «Wenn man richtig hinhört», sagt George Marti, «dann erkennt man Plätze an ihrem Klang.» Ich nicke, als ob ich das auch schon dachte, und denke gerade das erste Mal darüber nach, ob das wohl geht.

Gut hören ist existenziell
Für den Zuger Jazzmusiker George Marti ist richtig hinhören kein Luxus. Es ist für ihn keine blosse Achtsamkeitsübung für beruflich gestresste Freizeit-Esoteriker. Auch nicht etwas, das man als Musiker einfach gerne ein bisschen trainiert. Wegen einer starken Sehschwäche orientiert er sich zu einem grossen Teil über sein Gehör. Gut hören zu können, ist für George Marti existenziell.

«Wenn man einen Tag lang an einer beliebten Kreuzung in einer grossen Stadt ein Mikrofon aufstellen würde», sagt George Marti und wippt langsam mit seinem Oberkörper, «Stadtvertraute würden erkennen, welcher Platz es ist.» Die Mischung an Geräuschen sei immer einzigartig, sagte er. Ich versuche einen Moment lang, das Hintergrundrauschen rund um uns zu filtern. Man hört hier sogar die Züge bremsen.

Vogelstimmen, Erinnerungen, Geräusche
Am Anfang war das Geräusch. Wenn sich George Marti versucht zurückzuerinnern, wann er anfing, sich für Musik zu interessieren, kommt 
er auf keinen exakten Zeitpunkt. «Irgendwie schon immer», er zieht den Satz wie eine Frage in die Länge. Er erinnere sich, wie er wegen seiner Grossmutter anfing, klassische Musik zu hören. Er erinnere sich an einzelne Stücke, Erinnerungen, die fest mit Melodien verbunden sind. Und an Geräusche. Diese Platte mit Vogelstimmen von Hans A. Traber, an die erinnert er sich auch, bis ins allerletzte Detail.

Er sei nicht der erste Jazzmusiker, der sich stark durch Geräusche inspirieren lasse. Eric Dolphy c beispielsweise, ein Jazz-Avantgardist aus den Sechzigerjahren. Auf seiner Bassklarinette spielte er Improvisationen, inspiriert von Vogelstimmen. Oder Charlie «Bird» Parker, der grosse Saxofonist, der seine kreative Quelle als Zweitnamen verpasst bekam.

Harmonie im Winseln des Kühlers
Die Musik in der Bar verschwindet, ging wie ein ungebetener Gast. Niemand von den anderen Gästen scheint das zu bemerken. Ich höre das hohe, gleichmässige Summen des Kühlers hinter der Bar. Ich frage George Marti, ob er es auch hört. Ja, aber er beschreibt keinen banalen Summton, an der Schwelle zum Nervigen. Er höre eine reine Quinte, ein grosses D und ein eingestrichenes a. Diese Fähigkeit nennt man absolutes Gehör, sie ist auch unter Musikern nicht sehr verbreitet. Ich konzentrierte mich und bildete mir ein, dass ich auf einmal ein bisschen Harmonie im Winseln des Kühlers spürte.

Es gebe Kühler, Klimaanlagen oder Ventilatoren, bei welchen kein Oberton zu vernehmen sei, dann spreche man von einem «weissen Rauschen». Wie beim Bus beispielsweise, da sind keine Töne mehr zu unterscheiden. Die Welt wird anders, wenn man so genau hinhören kann. George Marti schenkte sich Wasser aus der Flasche nach. Er höre auf den Resonanzraum und merke, wann das Glas voll ist, die Flasche leer.
George Marti hat ein Jahr lang in Valencia, in Südspanien studiert. «Südspanien klingt leichter, die Autos klingen schneller. Die Schweizer Strassen klingen oft so massig.»

Woher die Liebe zu Spanien ursprünglich kam, weiss George Marti nicht. Sie war plötzlich da. Ist bis heute nicht mehr gegangen. Bevor er sein Masterstudium in Jazz Performance in Valencia überhaupt antrat, sprach er schon fliessend Spanisch. Seine Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste handelte von puerto-ricanischer Salsa, welche durch spanische Musik beeinflusst ist. «Spanien ist der Platz auf der Welt, wo ich mich neben der Schweiz am wohlsten fühle», sagte er. An der Jazznight in Zug wird er mit seiner Salsa-Band Jorges Conexión spielen.

Vielfalt im Geräusch
Irgendwo setzen Kirchenglocken ein und mischen sich beinahe unbemerkt in die Popmusik, die inzwischen wieder in der Bar hängt. Leiser Regen rauscht draussen. Ich frage ihn nach Lieblingsorten, die besonders schön klingen. «Es sind nicht einzelne Orte. Es ist eher die Abwechslung von allen, die Vielfalt», sagt er. Die ­Abwechslung, die Kontraste der Geräusche, die ­Fülle einer Sprache, das mache schliesslich Musik aus. «Jazz verfügt über eine unglaubliche Fülle an Ausdrücken.» Nur schon die Jazzgeschichte bilde einen solchen Variantenreichtum an Spielarten wie sonst fast keine andere Musikrichtung.

Die ganzen Instrumente
Abwechslung schafft sich George Marti selbst genug. Er ist Multiinstrumentalist. Neben seinem Hauptinstrument Posaune wären da: Klavier, zeitweise Saxofon, verwandt damit die Klarinette. Akkordeon habe er sich einmal länger angeschaut, Schlagzeug habe er einmal angefangen, dann länger nicht mehr gespielt, jetzt gerade vertiefe er sein Können aber wieder. Ach, ja, und vor einigen Jahren habe er sich mal noch Alphorn beigebracht. «Die Improvisation brachte mich dazu», erklärte er. Man müsse neugierig bleiben und in neue, vielleicht auch etwas ungewohnte Situationen sich wagen, damit Improvisationen gut werden. Und nicht zuletzt ist die Improvisation, wie sie im Jazz gelebt wird, auch ein Gruppenerlebnis.

Dieses Erlebnis, die Jamsessions, die seien für ihn im Laufe seiner Musikkarriere immer zentraler geworden. Momentan absolviert er das Masterstudium Musik Pädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste, um später Musik auch unterrichten zu können. «Musik weiterzugeben, diese Erlebnisse anderen zu zeigen, das ist mir sehr wichtig.»

Alles ist Klang
Mir hat er jedenfalls bereits etwas vermittelt. Entgegen meiner Gewohnheit, warte ich ohne Kopfhörer auf dem Perron. Stimmen flirren durch die Luft, eine Schiebetür stöhnt leise, der Zug kläfft, als er die Türen öffnet. George Marti schreibt auf seiner Website: Alles ist Schwingung, alles ist Klang. Das stimmt. Man merkt es, wenn man genau hinhört.

Text: Lionel Hausheer

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George Marti